Der Mond torkelte über den
sternenlosen Himmel, eine
Fontäne schoss grau
aus seinem Leib, er
rauchte und verformte sich
und fiel auf die Erde

Wie Gas aus einem Ballon
entwich der Staub aus ihm
als er sich auf der Straße wand

Da wussten wir, dass
wir uns einen neuen
Trabanten suchen mussten

 

Deine Schritte, meine Schritte
Fußabdrücke, Grashalme, geknickt
im Stroh ein Leib
im Wasser ein Stumpf
ein verfaulter Baum

Das Wasser ist braun
du versinkst im Sumpf
ich kann dich nicht halten
die Erde zieht
wir sinken

Am Ende atmen wir
durch ein Schilfrohr
gemeinsam

(Assiniboine VI)

Die Erde schmeckt nicht mehr
mein Freund
kein Salz, kein Honig
kein Kraut, kein Wein

Sie zergeht nicht mehr
auf der Zunge
stecken bleibt sie im Hals

ersticken
ersticken werden wir an ihr
so sehr wir auch
schlucken
und
schlucken

(Assiniboine III.)

Schlaf raubt Kraft
Wasser nimmt Schutz
Teer schenkt falschen Atem

In den Morgen Kummer fließt
Bruder schippt und schippt und schippt:
Teer bleibt haften

Bedeckt schwarz die Zeit
keine Freundschaft bleibt
Nur Teer am Spaten.

(Assiniboine I.)

Auf der Flucht
über den Fluss
dein Fuß, dein Fuß
steckt im Schlamm

Hoch am Bein
kriecht der Schlamm
er schlammt dich ein
auf der Flucht
durch den Fluss.

(Assiniboine II.)

Am Rande der Stadt
die Schrebergärten
die Tankstellen
und Werkstätten
dort, im Gestrüpp
um das sich niemand
kümmert
verliert die Zeit
ihr Maß

Sie teilt sich nicht
setzt sich nicht fort
verharrt
und wartet ab
die kommenden Verbrechen

Geduldig und
siegesgewiss
hält sie an
lauert
stockt
bis die ersten
Schüsse fallen

Baum an Baum an Baum,
militärisch aufgestellt,
unten das Moos
bildet Schützengräben.

Rekrutengleich marschieren
wir übers Schlachtfeld.
Im Hinterhalt
lauern Maronen.

Unterm Hochsitz leg ich dir
Küsse in den Korb.

Wie wir den Krieg gewannen.

Supermärkte und Tankstellen
auf dem Weg nach Buckow.

Ein Stau und eine Trabrennbahn
auf dem Weg nach Buckow.

Spielhöllen und Möbelparadiese
auf dem Weg nach Buckow.

Windräder und Schlöte
auf dem Weg nach Buckow.

Steinhäuser und Ruinen
auf dem Weg nach Buckow.

Schienen, die ins Leere laufen,
auf dem Weg nach Buckow.

Eine Kathedrale aus Bäumen
auf dem Weg nach Buckow.

Ein Specht und ein Reh
auf dem Weg nach Buckow.

Bertolt und Helene
auf dem Weg nach Buckow.

Du und ich
auf dem Weg nach Buckow.

dsc03015

Spiegel, die verzerrte
Gesichter zeigen,
Metamorphosen, ein
aufgefächerter Blick.

Ein Eiffelturm, der
schief steht wie der
zu Pisa,

Dosen, mit frischen
blauen Äpfeln im Gepäck.

Schmetterlinge und Vögel,
aus Büchern von gestern
geschnitten,

sterbende Engel ohne Flügel,
die um Küsse sich stritten.

Worte, fliegende Lippen,
auch Venus lebt hier,

Pilze und Eier,
Vogelhäuschen und
Nofretete in Papier.

Allerlei Zer-
rissenes

und ein
zerknittertes

Selbstbildnis
von dir.

(für Jiří Kolář)

Zarte Blüte, verletzliches Reh,
Kindkönigin auf eigenem Planeten,
Tänzerin in einem unsichtbaren Universum
jenseits von Raum und vor jeder Zeit –
den Blitz aus dem Stein erlösend,
mit Zauberworten, die den
Sternennebeln entliehen, –
Fischfrau, die im Sand überlebte,
Lichtsängerin in Mördernacht,
Heilerin des Tausendschmerz,
jenseits des Staubs,
in verlorenen Schuhen,
Engelin der Liebe,
Engelin, oh Engelin.

Nelly Sachs zum 125. Geburtstag,
10. Dezember 1891

Im Jahr 2010 war ich für zwei Wochen in einem der Resorts des tunesischen Ortes Sousse, die damals noch gut besucht waren und einem bizarren Schmelztiegel glichen. Hier verbrachten Deutsche ihren Urlaub, Franzosen, Italiener, aber auch Russen, wohlhabende Marokkaner, Ägypter und Libyer. Ich weiß nicht mehr, wie es sich ergab, aber eines Abends lernte ich Ahmeed kennen, einen 35-jährigen Libyer. Meine Geschichte einer kurzen Freundschaft auf dem Literaturportal Bayern.

Rauschender Warenstrom,
über den Brücken Land unter:
Lastwagen treiben durch
die Wasser der Nacht.

In der Ferne blinkende Lichter,
angeschwemmt goldener Glitzer,
Meteore im Nebel, Sirenen
in elektrischer Luft.

Ein Körper, der ungebremst fiebert,
melodischer Herzschlag der
Wellen, Autosuggestion.

Am anderen Ufer ein Zelt.
Davor ertrinkendes Feuer.
Anschwellender Strom.

an_der_donau

Wie abweisend sich
die Möwen bewegen.
Sie picken unbeteiligt im Sand,
aber immer auf Abstand.

Und dann, scheinbar ohne
Grund, fliegen sie weg.
Wir sehen ihnen zu und
können uns nicht entschließen.

Die Nacht war lang.
Die Sonne ging nicht unter.
Wir liegen herum wie
aufgebrochene Muscheln.

Der Wind blättert durch die Zeitung,
auf den ersten Seiten
Nachrichten vom Krieg.
Tote ohne Zahl und Namen.

Wir sehen den Wellen zu,
kein Wort fällt zwischen uns.
Etwas ist gestrandet in dir und mir.
Keiner weiß, wann es war.

Sand auf unseren Lippen,
in den Augen, Sand überall.
Die Möwen kehren nicht zurück.
Am Horizont brennt ein Schiff.

Am Strand

Gedichte sind wirkungs- und nutzlos, zu nichts zu gebrauchen – wörtlich wie man es einem Taugenichts vorwirft, einem Trinker oder –  Poeten. Und es gibt keinen Grund, das zu bedauern.
Denn diese Nutzlosigkeit ist gut für das Gedicht, sie ist sein Emblem, seine unverwechselbare Eigenschaft, sein spezielles Surplus in der Welt des Überflusses.
Mein Essay auf dem Literaturportal Bayern. Zum Essay

Schnell noch schlafen,
schnell noch pokern,
schnell noch ein Herz
verschickt oder ein Lächeln.

Vor sich hin starren,
in den Augen noch Sand,
in den Aktentaschen
die Träume der Nacht.

Rasierwasser macht trunken,
Nagellack brennt,
Dunst und Turbinen über
der morgendlichen Stadt.

Köpfe schweben und sinken,
doch kurz vor dem Einnicken
richten sie sich auf,
die Augen geschlossen.

Was sagen die Überschriften?
Wie klingen die Kaffeemaschinen?
Warten auf die Ansage.
Und tippen, tippen, tippen.

Der Sommer nimmt
das Licht mit in
den nächsten Raum.
Nächte wölben sich
über Autobahnen
und hissen blaue
Himmelsfahnen
über dem
Maschinentraum.

Für einen Augen-
blick steht die
alte Zeit.
Die Erde ruht
im kalten All.
Propheten längst
verlöschten Glücks,
funkeln Sterne
silbern kahl.

autobahn_carfryday

DSC00771Die Mauern bekommen Risse,
die Treppen stinken nach Pisse,
es bröckelt der Putz.

Dann verdunkeln sich die Fenster,
dann klirren matte Scheiben,
dann schließen sich die Türen
ein allerletztes Mal.

Was stand, fällt
in sich zusammen,
Staub wirbelt auf,
und die Zeit
nimmt ihren Lauf.