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Chrom und Salamander

Gehwege, weiß und glatt,
Autos sprühen Misstrauen,
die Kälte und die Stadt,

ein Mann und eine Frau
unter einem Baum, der
Knochenhände hat.

Sie schweigen sich
fremden Blickes an,
bis sie lauthals klagt:

„Wenn du es nicht weißt,
hau ab!“

In den Augen kratzt der Split,
Gehwege, weiß und glatt,
die Kälte und die Stadt.

Die ersten Flocken
stürzten in die Gischt.
Das Salz konservierte sie
wie Gezeitennahrung.
Das Meer blieb ohne Rührung.

Ziellos trieben rostige
Fischtrawler auf dem Wasser.
Ab und an kollidierten sie
mit den Wracks verschollener
Flugzeugträger aus dem Krieg.

Der Horizont wölbte sich,
bildete einen Hohlweg
aus Luft und Glas, in dem
wir die Zukunft erblickten:
das unaufhaltsame Altern der Erde.

Die Sonne warf ihr weißes Licht
an die Unterseite der Kuppel.
Zum Jahreswechsel blühten die
Kirschbäume auf der Insel,
wohin wir uns geflüchtet hatten.

Vom Ufer aus sah man junge
Männer auf einem Boot:
Sie schlugen sich gegenseitig tot.

Am Morgen versiegten alle Quellen.
Nebel senkte sich über
die flusslosen Täler,

und die Zeit tauchte ein in die
Abwässer der Natur.
Schnee über dem Meer.

Baum an Baum an Baum,
militärisch aufgestellt,
unten das Moos
bildet Schützengräben.

Rekrutengleich marschieren
wir übers Schlachtfeld.
Im Hinterhalt
lauern Maronen.

Unterm Hochsitz leg ich dir
Küsse in den Korb.

Wie wir den Krieg gewannen.

Wenn der Süden
des Herzens
eines Tages
im Norden steht,

wenn du
nicht mehr weißt,
wo oben und
unten ist,

wenn du die
Seiten wechselst
und auf die
schiefe Bahn gerätst,

wenn du dich
umsiehst und
dein Leben nicht
mehr vor dir liegt,

wenn Kontinente
sich unter deinen
Füßen verschieben,

zeigt die Nadel dir
nur ihre eigene
Bestimmung.

Spiegel, die verzerrte
Gesichter zeigen,
Metamorphosen, ein
aufgefächerter Blick.

Ein Eiffelturm, der
schief steht wie der
zu Pisa,

Dosen, mit frischen
blauen Äpfeln im Gepäck.

Schmetterlinge und Vögel,
aus Büchern von gestern
geschnitten,

sterbende Engel ohne Flügel,
die um Küsse sich stritten.

Worte, fliegende Lippen,
auch Venus lebt hier,

Pilze und Eier,
Vogelhäuschen und
Nofretete in Papier.

Allerlei Zer-
rissenes

und ein
zerknittertes

Selbstbildnis
von dir.

(für Jiří Kolář)

Zarte Blüte, verletzliches Reh,
Kindkönigin auf eigenem Planeten,
Tänzerin in einem unsichtbaren Universum
jenseits von Raum und vor jeder Zeit –
den Blitz aus dem Stein erlösend,
mit Zauberworten, die den
Sternennebeln entliehen, –
Fischfrau, die im Sand überlebte,
Lichtsängerin in Mördernacht,
Heilerin des Tausendschmerz,
jenseits des Staubs,
in verlorenen Schuhen,
Engelin der Liebe,
Engelin, oh Engelin.

Nelly Sachs zum 125. Geburtstag,
10. Dezember 1891

Rauschender Warenstrom,
über den Brücken Land unter:
Lastwagen treiben durch
die Wasser der Nacht.

In der Ferne blinkende Lichter,
angeschwemmt goldener Glitzer,
Meteore im Nebel, Sirenen
in elektrischer Luft.

Ein Körper, der ungebremst fiebert,
melodischer Herzschlag der
Wellen, Autosuggestion.

Am anderen Ufer ein Zelt.
Davor ertrinkendes Feuer.
Anschwellender Strom.

an_der_donau